
Der Leser wartet an einem Erzählperron, der in sechs regelmäßige
Sektoren aufgeteilt ist. Sein offizieller Standpunkt liegt im Feld D, aber
während des Wartens wandert der Leser die gesamte Länge von zweihundertfünfzig
Seiten ab.
General Eyer will in Tirol eine Notverordnung einführen, von der
nur gewiß ist, daß sie täglich schärfer wird. Warum
es zu dieser Notverordnung kommt, wer sie iniziiert hat und wer davon letztlich
profitiert, ist nicht einmal dem General selbst bekannt.
Er hat auch jedes Zeitgefühl verloren, so daß er fallweise
in alten ZEIT-Ausgaben einen x-beliebigen Absatz nachschlägt und dabei
meint, es gebe eine Zeit außerhalb der Echtzeit.
Alle Figuren können Verbündete sein, denn die Notverordnung
bedarf hervorragender Fachleute, wenn sie gegenüber der Wirklichkeit
halten soll. Mit der Mitarbeit am Projekt verlieren die Personen freilich
auch ihre Unschuld und können zu Verrätern werden, weshalb man
sich am besten sogenannter Einweg-Posten bedient.
In der engsten Umgebung schwankt das Urteil über Eyer zwischen
Eigennotstand, Alkoholiker und klarem Fall von Plemmplemm.
Je mehr sich die Notverordnung in gewissen Punkten als real herausstellt,
desto imaginärer werden ihre noch zu planenden Teile. Einerseits ist
die Notverordnung ein neuer Schöpfungsbericht, andererseits hat sie
nichts anderes im Sinn, als die Schöpfung zu verhindern.
Gerade weil er den aktiven Helden mimt, entpuppt sich General Eyer
schließlich als Spielball der Geschichte, denn mit der Notverordnung
läßt sich nicht spielen.
Im Sinne der Rhizomtheorie bewirken Kausalketten immer bloß eines,
daß sie den Faden verlieren. So stehen die unmöglichsten Ereignisse
miteinander in korrekter Beziehung, während logische Konstrukte geräuschlos
zusammenbrechen, wenn man sie benützt.
Nachdem wie in einer gigantischen Erzähldatei alle Segmente mit
dem Notstandsvirus befeuchtet sind, kann auch der Leser nicht mehr zwischen
dem real-genötigten und dem notwendig-realen Zustand Tirols unterscheiden.
Der Autor
geb. 1953 in Innsbruck, lebt dort als Bibliothekar und Schriftsteller.
Seit 1982 regelmäßig Besprechung internationaler und österreichischer
Gegenwartsliteratur in Zeitungen und Zeitschriften.
Erster Preis der Landeshauptstadt Innsbruck für Lyrik 1984 und
dritter Preis 1990. Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht
und Kunst 1990.
Bücher:
Muff-Teig-Provinz". (Roman, HandPresse1987), Essig und Oel" (Materialien
zur Tiroler Gegenwartsliteratur. Rezensionen 1983-1988. Hand-Presse 1988),
Pontlatz" (Gericht. Literatur. Dokumentation. Hand-Presse 1988), Vergeßliche
Reiter" (Pferdegedichte, TAK 1990), Schluiferers Erben" (Edition Löwenzahn
1992), Graukas" (Gedichte, Grasl 1997), Volkspraxis" (Edition Löwenzahn
1997).
Stücke:
Die Hofer-Brothers" (Utopia 1990), Wunde" (PiU, 1991), Wurst" (Bierstindl
1992).