Als »Russin« in Österreich

Noch einmal sollte ich in meiner alten Welt untertauchen, ehe ich den Sprung in die neue wagte.
Im Jahre 1915 waren die Eltern in Karlsbad, der Vater, der sich von einem Schlaganfall nicht erholen konnte, wollte mich gerne sehen; aber wie konnte ich, die »feindliche« Staatsbürgerin, nach Österreich reisen?
»Schreib an den Grafen Berchtold«, schrieb mir der Vater. »Er gibt dir bestimmt die Einreiseerlaubnis.«
Im alten Österreich war alles möglich, ich erhielt die Erlaubnis, und nun erlebte ich, die ich so lange die »Österreicherin« in Rußland gewesen war, die »Russin« in Österreich zu sein.
»Halten Sie nur keine pazifistischen Reden!« warnten mich Davoser Bekannte, und auch der Vater schrieb: »Sprich um Gottes willen nicht vom Bombenwerfen und sag' nicht, daß alle Regierungen gehenkt werden müßten.«
So fuhr ich, mit guten Ratschlägen versehen, ins »Feindesland«.
An der Grenze gab es den ersten »Zwischenfall«. Ich hatte unter andern Büchern einen Band Shakespeare und Platos »Republik« mitgenommen. Beide Bücher erregten den Verdacht der kontrollierenden Beamten.
»Das ist ein Engländer«, sagte der eine, den Shakespeareband mit grimmigen Blicken betrachtend. »Den dürfen Sie nicht über die Grenze nehmen.«
Ich bemerkte bescheiden, daß der Autor doch schon seit einigen hundert Jahren tot sei.
»Er ist trotzdem ein Engländer. Das Buch kommt nicht hinein.«
Plato wurde von allen Seiten betrachtet; die Beamten waren sich nicht recht im klaren. Schließlich entdeckte der eine den Verlag: »Georg Müller, München.« Er wandte sich an seinen Kollegen: »Der Schriftsteller ist ein Bayer; das Buch kann sie mitnehmen.«
Der Shakespeareband wurde auf der Schweizer Seite der Grenzstation deponiert; der »Bayer« Plato durfte mit nach Österreich.
Gleich nach der Grenze kam ein Detektiv ins Abteil: »Wo ist hier die Russin?«
Ich gab mich zu erkennen. Er hielt mir eine lange, aber freundliche Rede über mein Verhalten und erklärte beruhigend: »Ich werde Sie schon im Auge behalten, Gräfin.« (Gutmütig, wie die Österreicher nun einmal sind, gaben sie mir sofort meinen alten Titel wieder.)
Auf der nächsten Station stieg ein Türke ein. Der Detektiv stürzte sich auf den »Bundesgenossen«, der jedoch konnte nur Türkisch und Französisch, und die beiden waren nicht imstande, sich miteinander zu verständigen. Da kam dem biederen Detektiv ein glänzender Gedanke: die »Russin« kann bestimmt Französisch. Die »Feindin« spielte den Dolmetsch zwischen den Bundesgenossen, und die Mitreisenden betrachteten den Türken mit ebenso feindseligen Blicken wie mich.
An der Bahnstrecke arbeiteten russische Gefangene. Ich schenkte ihnen meine Zigaretten und redete mit ihnen in ihrer Sprache. Es war erschütternd, die Freude auf ihren Gesichtern zu sehen, als sie russische Worte hörten. Der freundliche Detektiv ließ mich gewähren: »Sie werden schon keine Spionage treiben«, meinte er gelassen. »Die Russen sind brave Kerle, wir können sie gut leiden. Haben die's notwendig gehabt, mit uns Krieg anzufangen?« Die Mitreisenden verhielten sich neutral, nur ein Reichsdeutscher sagte schroff: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, mein Fräulein, daß hier Standrecht herrscht.«
Die alte Österreicherin regte sich in mir: »Da kann man auch nichts machen!«
Von da an strafte mich der Reichsdeutsche mit Verachtung. In Linz fuhr mir der Zug vor der Nase weg; der nächste ging erst in sieben Stunden. Der Detektiv übergab mich einem alten Gendarmerieoberst: »Da haben 'S eine Russin. Aber sie ist nicht gefährlich.«
In der Stadt war ein Onkel von mir Statthalter; ich fragte den Gendarmerieoberst, ob ich nicht die Wartezeit bei ihm verbringen dürfe.
»So, so«, meinte er gutmütig, »der Graf Ch. ist Ihr Onkel? Wissen 'S, das kann ein jeder sagen. Sie bleiben da.«
»Und wenn ich trotzdem in die Stadt gehe?«
»Dann schießen wir.«
»Werden Sie mich auch treffen?«
»Was glauben Sie denn, wir schießen berühmt gut. Probieren Sie's lieber nicht.«
»Darf ich meinem Onkel nicht telephonieren?«
»Nein.«
Der alte Herr war unerbittlich; ich mußte auf dem Bahnhof bleiben.
Ich hatte mich auf der Fahrt erkältet, meine Taschentücher reichten nicht aus. Ich wandte mich um Hilfe an den Gendarmerieoberst. Der rief einen Dienstmann: »Gehen Sie in die Stadt, kaufen Sie für die Dame ein Dutzend Taschentücher. Aber bringen Sie sie zuerst mir.«
Als der Dienstmann zurückkam, nahm er jedes der abscheulichen, mit einem bunten Rand geschmückten Taschentücher einzeln in die Hand und schüttelte sie. Dann erst bekam ich sie.
Der alte Oberst war ein freundlicher Mann und ein großer Kriegsgegner: »Das Ganze ist ein Blödsinn«, erklärte er. Ihm gegenüber konnte ich getrost »pazifistische Reden halten«. Als ich jedoch erklärte, daß ich in Pilsen übernachten wolle, wurde er streng: »Das könnt' Ihnen passen, wo die Skodawerke sind. Nein, fahren Sie nur schön bis Budweis. Und melden Sie sich sofort beim Bahnhofskommando.«
Gegen drei Uhr morgens erreichte ich todmüde Budweis und die Tür des diensthabenden Offiziers. Eine verschlafene Stimme gab Antwort: »Was ist denn jetzt wieder? Nie hat man seine Ruh'.«
»Ich muß mich beim Bahnhofskommando melden.«
»Warum denn?«
»Ich bin russische Staatsbürgerin.«
»Was sind Sie?«
»Russische Staatsbürgerin.«
Ein äußerst verschlafener, halbbekleideter Mann trat aus der Tür.
»Was sind Sie?«
»Russische Staatsbürgerin«, wiederholte ich geduldig und hielt das vom Minister des Äußeren unterzeichnete Dokument hin.
»Was wollen Sie denn da, wenn Sie eine Russin sind?«
Ich erklärte den Zweck meiner Reise.
Er griff nach dem Dokument.
»Ja, warum sind Sie denn russische Staatsbürgerin?«
»Weil ich mit einem Russen verheiratet bin.«
»So, warum haben S' denn einen Russen geheiratet?«
Er studierte das Dokument. »Ja so, der Berchtold. Na ja, wenn Sie früher Österreicherin waren. Is' schon gut. Sie können gehen. Morgen müssen Sie sich beim Bezirkshauptmann melden.« Er seufzte tief. »Man hat doch nie seine Ruh'; jetzt kommt da mitten in der Nacht eine Russin daher. Na, gehn 'S jetzt. Glückliche Reis'.«
Der Dienstmann, dem ich mich in meiner Müdigkeit blindlings anvertraute, führte mich in ein schreckliches Gasthaus, in dem die Waschschüsseln an die Wand gekettet waren und die Leute nur tschechisch sprachen. Ich hatte nur einen Wunsch: eine Tasse Tee, aber die Wirte wollten mich nicht verstehen. Ich beschloß, russisch zu sprechen; entweder ich werde verhaftet, oder ich bekomme meinen Tee, jedenfalls lohnt es sich, das zu riskieren. Ich hatte kaum »Tschai« gesagt, als sich die Gesichter des Wirtes und der Wirtin veränderten. Mit einemmal war ich ein lieber Gast, ich bekam Tee und Gebäck und sogar eine große Kanne heißes Wasser zum Waschen, was bestimmt noch kein Gast dieses Wirtshauses verlangt hatte. Der Besitzer und seine Frau überboten sich an Freundlichkeit.
Als ich mich beim Bezirkshauptmann meldete, runzelte er die Stirn: »Sie müssen vierundzwanzig Stunden hier bleiben, Gräfin. Ich muß im Ministerium des Äußeren Erkundigungen einziehn.«
»Schauen Sie, mein Vater feiert morgen Geburtstag, ich möchte so gern zur rechten Zeit dort sein.«
Er war ein Österreicher; er ließ mich weiterfahren, ohne Erkundigungen einzuziehen.
*
Ich hatte mich ein wenig vor dem Patriotismus der Österreicher gefürchtet, aber schon im Jahre 1915 war er völlig abgeflaut. Nur zwei Patriotinnen liefen mir über den Weg, Frau H., die Frau eines der größten »Zuckerlfabrikanten« von Österreich. Sie suchte meine Mutter auf, um mit ihr ein zugunsten der Verwundeten stattfindendes »Fest« zu besprechen. Eine hübsche, äußerst elegante junge Frau mit einer wundervollen Perlenkette um den Hals. »Wir werden durchhalten«, erklärte sie begeistert.
Nach ihrem Besuch fragte mich meine Mutter erstaunt: »Du bist doch Sozialistin, warum warst du so schrecklich hochmütig gegen Frau H.? Die arme Frau ist ganz verlegen geworden.«
Ich schwieg; die Mutter hätte meine Erklärung ja doch nicht verstanden.
Die zweite war eine Aristokratin, die den schönen Ausspruch tat: »Wenn ich an die vielen Toten denke, die im ›Gotha‹ stehen...!«
*
Auf der Rückreise in die Schweiz kam ich in ein arges Dilemma. In Innsbruck bat mich ein Hotelier – er muß ein Menschenkenner gewesen sein – einen Scheck auf Italien mitzunehmen und in der Schweiz an eine Bank zu schicken. Er müsse an einen italienischen Geschäftsfreund eine Zahlung leisten, der Krieg könne nicht ewig währen, und er verlöre, zahlte er nicht jetzt, viel Geld.
Weder der Hotelier noch der Geschäftsfreund interessierten mich, aber das Abenteuer war verlockend.
»Ich muß Ihnen sagen, Frau Gräfin, daß Sie eingesperrt werden, wenn der Scheck bei Ihnen gefunden wird«, warnte mich der ehrliche Hotelier.
»Einerlei, ich nehme ihn mit.«
Als unser Zug die Grenze erreichte, stiegen mit mir nur drei Leute aus. Wir hatten zwei Stunden Aufenthalt.
»Das kann schön werden«, dachte ich; der gefährliche Scheck lag in meiner Handtasche. »Bei der langen Zeit zur Visitation muß ja der Scheck gefunden werden.«
Auf dem Bahnhofsperron lag ein großer zottiger Schäferhund. Ich war immer ein Hundenarr; auch jetzt vergaß ich die Gefahr, hockte mich zu dem Hund hin und begann mit ihm zu spielen. Er hat mich vor einem österreichischen Internierungslager gerettet. Der diensthabende Offizier entpuppte sich als Besitzer des Hundes; er hatte ihn aus Serbien mitgebracht. Der Anknüpfungspunkt war gefunden, und nun redete, redete und redete ich zwei Stunden lang, unaufhörlich, über Hunde, Krieg, Serbien, Rußland, bis endlich, endlich der Zug einlief und wir vier Passagiere – unvisitiert einsteigen durften.
Das alte K. K. Österreich versank in den Schatten der Nacht, ich habe es nie wiedergesehen.