Die Turbulenzen, die seit
Beginn der Aktion (während des Nationalratswahlkampfes im Sommer 99)
die österreichische Politik und Gesellschaft bestimmen, haben gezeigt,
daß die Beschäftigung mit politischer Sprache, mit ihren Inhalten,
ihrer Form, ihrem Dokumentations- und Aussagewert, alles andere als vernachlässigbar
und das Interesse an Zitaten und deren mögliche Re-Instrumentierung
im gesellschaftlichen Diskurs ungebrochen ist. Dementsprechen riß
- was mich doch ein wenig verwunderte - die Nachfrage nach den Zitate-T-Shirts
selbst im Winter nie ganz ab.
Nun aber wird es warm und
T-Shirts können wieder so richtig öffentlich getragen werden.
Und politisch geht's heiß her, so heiß, wie sich's vorigen
Sommer wohl kaum jemand vorgestellt hat. Gewissermaßen ist, wie es
Jörg Haider angekündigt hat, tatsächlich kein Stein auf
dem anderen geblieben. Die Protagonisten haben teilweise gewechselt
oder zumindest die Rollen vertauscht, und da in der professionellen Politik
vieles nicht so recht im Lot ist, sind auch ganz neue Protagonisten dazugekommen:
Leute, die sich organisiert haben, um politisch jene Verantwortung zu übernehmen,
die sie von den Politikern vernachlässigt sehen. Außerdem haben
Aussagen zur österreichischen Politik und Gesellschaft, die außerhalb
der politischen Klasse des Landes und auch außerhalb des Landes selbst
fallen, eine Bedeutung gewonnen, wie sie es wohl seit der Besatzungszeit
nie gehabt haben. Und ein Thema hat sich in den Vordergrund geschoben,
das Gründungs- und Grundsatzthema dieser Republik: ihre Herkunft aus
dem Schrecken, die staatsvertraglich festgelegte Halbwahrheit darüber
und die Folgen für die gesellschaftliche Realität. Die, nach
einer solchen Geschichte, furchtbare Identitätsfrage hat sich gestellt.
Und durch alles, was jetzt geschieht, sind wir mitten in ihrer Beantwortung.
Das alles ist natürlich
geradezu eine Aufforderung an das Textiltheater / Politische T-Shirts,
seine Partitur den aktuellen Gegebenheiten anzupassen und durch ständige
Aktualisierungen auch die weiteren Geschehnisse zu begleiten: diese einerseits
sich selbst beschreiben zu lassen und andererseits Teil von ihnen zu werden.
Die laufende Änderung
- gleichsam Mitentwicklung - der Partitur (Zitatesammlung) folgt den gesellschaftlichen
Entwicklungen:
neue Aktualität drängt
„vergangene Aktualität" in den Hintergrund: neue Sätze, die aktuelle
Vorgänge repräsentieren, kommen dazu, und auf der Homepage werden
Sätze aus dem vorigen Jahr, die vor allem Aktualitätswert hatten,
herausgelöscht; im Katalog ist das ja nicht möglich;
die neuen zentralen handelnden
Personen der Politik kommen natürlich besonders häufig zu Wort
bzw. werden beim Wort genommen: vor allem die neuen Regierungsmitglieder,
da ja einige von ihnen vor einem Jahr im politischen Leben eine wenig zentrale
Rolle gespielt und somit ihre Sprüche nur vereinzelt Eingang in die
Zitatesammlung gefunden haben;
Demonstranten und Widerstandstandsorganisationen
gehören im Gegensatz zum letzten Jahr nicht unwesentlich zur politischen
Landschaft: Demo-Sprüche sind derzeit wohl zu den wichtigeren politischen
Texten Österreichs zu rechnen;
auch Politiker anderer Länder
beschäftigen sich mit Österreich und stellen es dabei nicht selten
viel entschiedener auf den Boden seiner Realität, als es die gesamte
Führungsspitze dieses Landes könnte: so etwa eine Aussage der
amerikanischen Außenministerin bezüglich der NATO-Beitrittsgelüste
der neuen Regierung;
diverse im Ursprung wenig
politische Sätze bekommen im Rahmen der allerorts beschworenen Politisierung
Österreichs plötzlich politische Bedeutung: so werden beispielsweise
ein Satz des Popsängers Puff Daddy und ein Slogan der Österreichwerbung
herangezogen;
die verstärkte Vergangenheitsaufarbeitung
in Politik und Medien ist wohl das wichtigste der jüngeren Geschehnisse,
ich folge in der Zitatesammlung natürlich den Bewegungen dieses Selbsterkenntnisprozesses
und zeichne die Selbstporträtierung unserer Gesellschaft, so wie sie
vor sich geht, nach: Zitate von Mitgliedern früherer Regierungen,
vor allem aus der Besatzungszeit, aus dem Staatsvertragstext, aus dem NS-Verbotsgesetz
und eine umfangreiche Sammlung von Jörg Haiders teils verhängnisvoller,
teils skandalisierender Sprachgewalt spannen den Bogen von früheren
Zuständen dieser Republik bis zur heutigen Situation; die Zitate,
die sich auf die schreckliche Vergangenheit dieses Landes beziehen, werden
selbstverständlich nur im Rahmen der Gesamtsammlung verwendet, zur
Dokumentation, T-Shirts mit diesen spezifischen Texten kommen nur bei
Ausstellungen zum Einsatz und werden nicht verkauft;
besonders legendäre
Sätze und solche mit besonderen literarischen Qualitäten (verdichteter
Aussagekraft, Sentenzwert, Originalität...) bleiben der Sammlung natürlich
jenseits aller Aktualisierungen immer erhalten.
Durch die Dramatisierung
im politischen Geschehen und dadurch, daß in diesem alles ernster
und sozusagen lastender geworden ist, zeigt das Textiltheater, wie sehr
es die gesellschaftlichen Veränderungen widerspiegelt und gleichzeitig
an ihnen teilnimmt: stand letztes Jahr noch der spielerische, der ironische,
der theatralische, der individualistische Aspekt der Aktion im Vordergrund,
so drängt sich heuer ganz von selbst der eher plakative, identifizierende,
demonstrative und kollektive nach vorne.
Mit den „Politischen T-Shirts"
kann sich jeder - je nachdem, welche Design-Variante er wählt - zur
Litfaßsäule oder zum dezenten Hinweis auf politische Positionen
machen und zur Proklamation oder zur ironischen Brechung des Politischen
beitragen. Und quasi visuell an der öffentlichen Diskussion mitwirken,
als politisches Zeichen die Öffentlichkeit mitgestalten.
Gerade jetzt, da unser Bundeskanzler
zu recht sagt: Wir alle haben uns doch geändert, scheint mir,
bedürfen wir der gesellschaftlichen Reflexion und Selbstbetrachtung
ganz besonders.